Sonntag, 25. Mai 2008

Dies ater

Eigentlich wussten wir es schon lange. Trotzdem kam der Tag so überraschend, dass ich mich total überfahren fühlte und unvorbereitet. Der "dies ater", der meine smultronställe so nachhaltig veränderte, als ob das Wohnzimmer einer Wand beraubt werden würde.

Schon ein Jahr zuvor war unser neuer Nachbar gekommen und wollte wissen, was wir davon hielten, die Fichtenhecke zwischen unseren Grundstücken abzuholzen. Ich „roch den Braten“ sofort und versuchte ihn mit allen Argumenten der Welt von seinem Vorhaben abzubringen. Das schien zunächst auch zu gelingen, ein „böser“ Trugschluss.

Unsere Fichtenhecke, die zu meinem Leidwesen also wirklich auf des Nachbarn Seite wuchs, trennt unsere Grundstücke auf einer Länge von gut 40 Metern und war zwischen 6 und 8 m hoch. Ich hatte die Hecke nie als störend empfunden, obwohl unser Haus auf der Schattenseite liegt. Allerdings so versetzt und in einem Abstand, dass die langen Schatten nie das Haus erreichen, selbst im Winter nicht.

Inzwischen beginnt der Bagger Baum für Baum aus dem Erdreich zu reißen. Das erste Loch klafft in der grünen Wand. Ich kann nicht mehr hinsehen, mein Herz schlägt bis zum Hals. Ich nehme mein Fahrrad und fahre an die Küste.

Der sanfte Wellenschlag, das tiefe Dunkelblau des Wassers und die Weite beruhigen mein Gemüt. Die Sonne ist schon im Begriff hinter dem Wald zu verschwinden, als ich nach Hause zurückkehre. Ich wage kaum um das Haus zu gehen, fasse mir dann doch ein Herz und sehe die ganze Bescherung. Gut die Hälfte der Bäume liegt verteilt auf dem Boden, manche kreuz und quer übereinander als hätte ein Riese Mikado gespielt. Ich fühle mich so ohnmächtig wie selten im Leben.

„Mein Freund der Baum ist tot“, ich weiß gar nicht wie alt dieses Lied schon ist. Ich hatte nicht nur einen einzigen „Freund“ verloren, sondern war im Begriff noch einmal so viele zu verlieren.
Die Aktion dauert eine ganze Woche. Da wird herausgezogen, zerteilt, verschoben, der Boden sieht in kurzer Zeit aus, wie nach einer Schlacht. Anstatt die Bäume wenigstens einer sinnvollen Nutzung zuzuführen, werden sie einfach nur die Böschung hinab geschoben und der Zersetzung preisgegeben. Naja neue Erde gibt es dann wenigstens, aber so kann ich erst viel später denken.

Ein neuer Tag bricht an. Die Sonne geht auf, als wäre nichts geschehen. Die Seite des Gartens liegt offen da und wirkt wie eine Wunde. Nun bemerke ich erst die vielen kleineren und größeren Pflanzen, ganz unterschiedliche, die aufgereiht wie an einer Schnur entlang der „Wunde“ wachsen. Ich kann Eberesche, Ahorn, Weißdorn, Eibe und Heimbuche erkennen und ich freue mich,- sie wachsen auf meiner Seite! Sie hatten bisher nie genügend Licht bekommen und führten ein Schattendasein. Nun habe ich einen Plan. Ich hole Schnur und so viele Holzstäbe, wie ich finden kann. Bäumchen für Bäumchen binde ich vorsichtig an und am Ende hat man eine Ahnung davon, wie die neue Hecke einmal aussehen wird.



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