Samstag, 20. April 2013

Zug um Zug

Ich mag Züge. Sie sind so vielseitig. Schnell-, Intercity-, Güter-, Regional- und wer weiß noch welche Züge durchschneiden seit ich weiß auf den zwei Hauptstrecken meinen alten Heimatort. Oft stand ich als Kind auf der kleinen Brücke und ließ mich „einräuchern“, wie wir es nannten.


Es war, als nähere sich die Hölle. Und es kostete Mut auf der Brücke stehen zu bleiben und knapp über dem fauchenden Monstrum einer Dampflokomotive, die unter den Füßen vorbeidonnerte, nichts als Rauch zu sehen, ohrenbetäubenden Lärm zu hören und das Zittern des Brückleins zu spüren. Als der Rauch verflogen war, war der Zug meist schon weiter und am Ende hörte man nur noch das leiser werdende Ta-tam---Ta-tam des letzten Waggons, bis die Stille wieder einkehrte.


Ich mag Züge. Sie sind so vielseitig. Weich, liebevoll, lächelnd, aber auch hart, Wetter gegerbt, entschlossen, so wie traurig, hilflos, bittend, wie die Gesichtszüge der Menschen eben sein können. Auf der Fahrt in die alte Heimat begegnet mir fast immer der Besitzer des kleinen Hotels, in dem wir seit Jahren übernachten, weil uns die Entfernung zu weit ist. Deshalb kenne ich ihn seit Jahren.
Den Nordlichtern sagt man bei uns Reserviertheit nach. Das mag stimmen, es ist eine andere Art von Humor, sage ich. Herr G. hatte genau diesen mit dem dazu passenden Zug um Mund und Augen.

Herr G. ist heute schwerkrank. Auf meinem Übernachtungshalt habe ich ihn besucht. Ganz sind die humorvollen Züge aus seinem Gesicht noch nicht verschwunden und ich wünsche ihm, dass er sie noch lange behält. Wir verstehen uns ausgezeichnet und ich habe ihm leichten Herzens einen meiner übrigen drei Mispelbäumchen geschenkt. Da haben seine Gesichtszüge wieder fast so ausgesehen, wie ich sie seit Jahren kenne.

Ich mag Züge. Sie sind so vielseitig. Wer mit Umzügen zu tun hat weiß, dass sie Vielseitigkeit und Flexibilität verlangen. Es ist wenige Jahre her. Aber was ist schon Zeit, wenn man ständig das Gefühl mit sich herum trägt, es sei erst gestern gewesen.

Der Anhänger am Auto veranlasst die Nachbarn im Spaß zu fragen: „Zieht Ihr um“?, obwohl sie wissen, dass ich mich inzwischen Land und Leuten in Schweden verbunden fühle. Einen Rückzug hätte ich nie verheimlicht. Die Menschen sind mir klare Worte wert, auch wenn es unbequem ist.

Vielmehr ist heimlich still und leise etwas ganz anderes passiert: Heimlich, still und leise haben sich meine und ihre Fäden haben miteinander verwoben: Heimlich, still und leise,

Zug um Zug …



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