Sonntag, 23. Juni 2013

Wildwuchs

Klein und unscheinbar fristete sie ihr Dasein hart am Rand der Terrasse. Die Außenseiterin, ein langes dünnes Etwas, entpuppte sich als Rose. Nicht mehr als eine Handvoll ärmlich aussehender dornenbewehrter Triebe mit mageren, eingerollten Blättern, weil hoffnungslos "verraupt", hatte das lichthungrige Geschöpf auf der Schattenseite ausbilden können.

Sie zwängte sich mehr schlecht als recht zwischen Blechverblendung und Alu-Streben zu dem bisschen Licht, das ihr die Büsche der Gartenbegrenzung übrig ließen. Sie wäre mir nicht aufgefallen, hätte sie mich nicht beim Hantieren an ihrer Nachbarin, der Pfingstrose, in den Handrücken gestochen. "Autsch" und schon entstand auf der Haut ein Blutströpfchen. Seitdem haben wir eine Art Blutsschwesternschaft geschlossen.

Fest stand, die Ernährung der Rose war an dieser Stelle denkbar schlecht. Deshalb überließ ich ihr ein wenig Dünger und Wasser und gab ihr durch den Rückschnitt der Büsche mehr Licht. Nach einiger Zeit wuchsen ihr kräftige neue Triebe, die bald die schlecht belaubten an Größe überrundet hatten. Leider machte der folgende Winter alles wieder zunichte. Er war selbst für die kleine Wilde zu hart.

Dafür begann sie im folgenden Frühling erneut zu treiben, wesentlich üppiger als je zuvor und nach kurzer Zeit kam mir angesichts der ellenlangen, dicht belaubten Zweige der Gedanke genau hier einen Rosenbogen zu setzen. Das ist nun zwei Jahre her.

Inzwischen vergingen heiße Sommer- und eisige Wintertage, die der wilden Rose nur noch wenig zusetzen konnten. Da und dort ging ein Zweig verloren. Unverdrossen wuchs sie, ließ sich an den Metallstäben in Form binden und belohnte das bißchen Pflege, das ich ihr angedeihen ließ mit einer üppig wachsenden Zahl an Blüten. Und wenn ich mich nicht täusche, so nenne ich in meinem Minigarten eine rosa multiflora mein Eigen.









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Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich bin zwar kein Rosen-Kenner, doch mit diesen Gewächsen scheint es wie mit den Beziehungen zwischen den Menschen zu sein: Engagement, Geduld und Ausdauer verfehlen auch hier selten ihre Wirkung. In diesem Sinne wünsche ich Dir weiterhin viel Erfolg mit Deiner Wildrose.
Liebe Grüße von JJ

Bea hat gesagt…

Hej JJ,

das ist wahr und es ist kein Wagnis zu sagen, Menschen sind es allemal WERT.

Gruß
Beate

Jutta hat gesagt…

Liebe Beate,

das ist ein wunderschöne Post. Da sieht man mal wieder, was man mit ein bisschen Mühe und Geduld alles erreichen kann und das sicherlich nicht nur bei Deiner Rose.

Liebe Grüße
Jutta

Nula hat gesagt…

Liebe Bea,
ich bin am Donnerstag an solch einem üppig blühenden Rosenbusch vorbeigekommen. Wie herrlich es duftete... Ach, ich liebe Rosen.

Liebe Grüße
und eine gute neue Woche

Nula

Roswitha hat gesagt…

So eine Wilde hatte ich auch mal. Viele Bienen summten in ihr herum. Auch mit Rosenbogen, von dem schnell nichts mehr zu sehen war. Ich mochte sie sehr. Doch war ihr Wuchsort sehr ungünstig, einen besseren gab es auch nicht. Ich erinnere mich noch heute gerne an ihren Blütenreichtum und die vielen kleinen leuchtenden Hagebutten im Herbst. Viel Freude damit und gerne Bilder von ihr.