Freitag, 25. Oktober 2013

Ansichten


Sich treiben lassen. Wie ein Blatt auf dem Wasser der Strömung folgen. Wie entspannend so etwas ist. Ich versuche die Frage nach dem "Wohin" nicht aufkommen zu lassen, überlasse es den Füßen, spontan Ideen zu folgen. Momente, in denen man spürt, was "Zeit haben" ist.

Ich laufe von der Anhöhe, auf der wir wohnen talwärts, gleich dem Wasser, das von selbst nur bergab fließen kann. Im Tal begegne ich dem Fluss, dem Gewässer, mit dem die Stadt seit ihrer Gründung im Mittelalter auch namentlich verbunden ist. Er hat sich tief in die Landschaft eingegraben. An beiden Ufern entwickelte sich der Ort mit den Jahrhunderten die Hügel hinauf. Neubauten stehen fast nur rechts und links auf den Höhenzügen und sehen aus, wie überall.




Aber die Altstadt birgt immer noch kleine Überraschungen. Da und dort sieht sie unberührt aus: Laternen statt Peitschenlampen, Kopfsteinpflaster statt Teerdecke und Gassen so eng, dass zum Glück für Autos kein Platz ist. Die alte Bausubstanz hat sich der Abrisswut der 60iger und 70iger widersetzt und wird nach und nach restauriert.

Hier haben die Häuser für mich sogar "Namen". Manch eine Kuriosität ist dabei, wie die reiche Frau, die Tag und Nacht, jahraus, jahrein das Rauschen des Flusses unter ihrem Haus und die Feuchtigkeit in den Wänden ertrug, weil sie aus ihrer sanierungsbedürftigen  Mühle nicht ausziehen, sie aber auch nicht trockenlegen lassen wollte.




Neben der einstigen Furt führt ein Steg zum anderen Flussufer. Dort steigt das Gelände viel steiler an. Oben thront die alte Kirche und der dazugehörige Pfarrhof. Einst waren sie gemeinsam mit dem Schloss Mittelpunkt der Ansiedlung. Nach vielen Jahren des Dahinvegetierens erkannte man endlich den Wert für die Stadt und ihre Bewohner. Die Individualität des Stadtbildes wurde abseits bloßer Arbeitsplatz-Verbundenheit zur Identifizierung mit dem Ort.




Dazu gehören auch Anekdoten, die am Rande entdeckt werden wollen, wie die aus dem Leben des Dichters Jean Paul, der nicht warten wollte, bis ihn die Muse küsst :



***

„An einem Winterabend machte ich mich auf zu dem verbotenen Wagstück, während der Besuch des Kaplans meinen Vater beschäftigte.

Im Finstern verließ ich das Pfarrhaus, passierte die Brücke, um geradezu (was ich noch nie gewagt) in das Haus zu marschieren und unten in eine Art Schenkstube einzudringen. So stürmisch wie ein Räuber war ich zuerst der Geber meiner Essgeschenke. Dann drückte ich ein lange geliebtes Wesen an Brust und Mund. Es war eine Einzigperle von Minute, etwas, das nie da war und im Finstern hinter den geschlossenen Augen entfaltete sich das Feuerwerk des Lebens. Ich hab es nie vergessen, das Unvergessliche.“

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1 Kommentar:

geistige_Schritte hat gesagt…

Liebe Beate,
wunderschön romantisch deine Worte und Bildern... mein Herz pocht und war ganz nah dabei das zu erleben!
Lieben Gruss Elke