Freitag, 18. Oktober 2013

Eine Bank unter der Linde


Rugendorf habe ich mir nicht als Ausflugsziel ausgesucht. Vielmehr gibt es dort einen der ganz wenigen TCM-Ärzte, die es in die strukturschwache Gegend am Fuß des Frankenwaldes verschlagen hat. Das ist aber nur ein Grund, um einmal oder öfter nach Rugendorf zu fahren.

Von außen betrachtet unterscheidet sich die ein-paar-hundert-Seelen-Gemeinde in nichts von anderen Orten, die ihre Kirche im Dorf lassen. Ich würde sogar behaupten, es ist unscheinbar, ein Ort wie viele im Land und auf dem Land. Aber wie das so ist, mit dem "über einen Kamm scheren". Im Grunde sollte man sich davor hüten und ein wenig genauer hinschauen. Das habe ich gemacht.



Der Ort ist im Kern alt, das zeigen das 1510 erbaute Schloss, die Kirche aus dem Jahr 1550 und die alte, denkmalgeschützte Linde in seinem Herzen, sowie einige andere alte Gebäude um den Marktplatz. Die Linde soll 350 bis 400 Jahre alt sein. Zu Füßen des Baumgreises plätschert ein Brunnen, eigentlich auch typisch für die Dorfmitte. Die Bank, die in ihrem Schatten steht, ist mit Lindenherbstlaub bedeckt. Eine malerische Szene, obwohl sich am ersten Tag meines Besuches die Sonne kaum hinter dem Wolkenvorhang hervor wagte.



Die Linde steht nicht mitten auf dem Marktplatz, der als solcher sowieso kaum zu erkennen ist, sondern leicht erhaben neben der Straße den Kirchhügel hinauf. Es sind nur wenige Meter Unterschied, aber so hat es die Linde bisher nicht geschafft den Kirchturm zu überragen und sie wird es auch niemals tun, so alt, wie sie schon ist.






Ich stelle meine Fototasche auf der Bank unter der Linde ab und setze mich. Jetzt erst sehe ich die volle Größe des Baums, der mir durch sein schütter gewordenes Laub erlaubt, in seine Krone zu sehen.






Neben dem Umfang von schätzungsweise fünf bis sechs Metern haben sich vom Stamm aus mehrere starke Äste verzweigt, die ihrerseits so dick wie Bäume sind. Einer der Hauptäste braucht bereits Unterstützung und ist mit anderen starken Ästen "verkabelt". Ansonsten konnte der Riese mit seinen ungefähr 30m Höhe jede Menge Äste und Zweige bis in die höchste Spitze ausbilden, die ihm das stattliche Aussehen verleihen. Ein "ganzer Baum" eben.



Bevor mir vom nach oben sehen schwindlig wird, widme ich mich dem Stamm. Er ist ein Abenteuerspielplatz für Gedanken, Geschichten und für Kinder. Zwei Buben kommen auf dem Weg von der Schule vorbei. Wahrscheinlich immer noch beeindruckt vom Lernstoff des Tages steckt einer von beiden den Kopf in die Baumhöhle und sagt: "Ich glaube hier könnte sich unser Schulgespenst verstecken."



Ich muss verstohlen lachen, denn so nah wie er dem Baumgeist ist, muss er ihn übersehen. Es ist nämlich eine wahre Geschichte, dass Geister verschwinden, wenn man ihnen zu nahe kommt.
Zwerge übrigens auch!







***

Kommentare:

Waldflüstern hat gesagt…

Was für ein schöner Baum! Und selbstredend ein idealer Wohnort für Baumgeister und Schulgespenster und Zwerge und Gnome ;)
Hast du ihn gesehen, den Baumgeist? Oder seinem Lied gelauscht?

Du hast eine wundervolle Kleinstadt-Herbststimmung eingefangen. Die Ruhe hier erinnert an mein Heimatstädchen, früher ...

Lieber Gruß
Sally

geistige_Schritte hat gesagt…

Was für wunderschöne Aufnahmen von diesem kleinen Städtchen.. es hat was beruhigendes und die Hektik nicht von der Grossstadt! Die Baumgeistgeschichte wer weis schon ob die Buben noch da drin hausen und den Ausgang nie wieder gefunden habenund sie warten auf neue Neugierige die sie erlösen können aus dem Baum *zwinker*

Schöne Tage wünsche ich euch!
Lieben Gruss Elke

Roswitha hat gesagt…

Ein sehr beeindruckender Baum und Deine Bilder sind es auch, wieder sehr stimmungsvoll begleitet durch Deine Worte.
Herzliche Grüße
Roswitha

Astrid Ka hat gesagt…

So ein herrlicher Baumfreund! Ich liebe Linden seit Kindertagen. Meine Oma hieß die Lindenberg -Oma.
Danke fürs Teilen!
Astrid

rheinland-blogger hat gesagt…

Hallo Beate,
interessant, dass Du uns etwas von Deiner früheren Heimat in Deutschland zeigst. Die letzten Bilder mit dem dicken, knorrigen Baumstamm gefallen mir besonders. So richtig bekomme ich Dich nicht verortet, wo Du genau in Deutschland gewohnt hast. Du bist wohl auch mehrfach in Bayern umgezogen.

Gruß Dieter