Sonntag, 20. Oktober 2013

Von den Wein-Beeren

Die Kostbarkeiten in Rugendorf sind keine "auf den ersten Blick" und schon gar nicht, wenn man nur vorüber fährt. Leider war die alte Kirche geschlossen. Ich hätte mich zu gerne ein wenig darin umgesehen. Vielleicht habe ich ja noch das Glück bei einem meiner nächsten Besuche.



Das Schloss, burgähnlich aus Bruchsteinen aufgeführt, ließ die Familie von Waldenfels bauen, ein Name, der denen in Erinnerung sein dürfte, die sich für bayerische Politik interessieren. Es ist bewohnt, von wem, weiß ich nicht. Das monumentale Haus ist kein im herkömmlichen Sinn "schönes Gebäude". Es besticht dadurch, dass es eben anders ist, als die anderen im Dorf. Es sticht heraus durch die Größe und die unregelmäßig eingebauten kleinen Fenster, die sich wie Schießscharten einer Burg ausnehmen und durch den grobstrukturierten Baustoff.



Mein Augenmerk lag auf der dazugehörigen Mauer, die das Schloss teilweise umgibt. Unterschiedliche Arten von Rankgewächsen haben dort eine stabile Kletterfassade gefunden. Blühender Efeu und verschiedene Sorten "Wilder Wein" wechseln sich ab, sodass das Mauergrau wie die Leinwand eines Bilduntergrundes wirkt.



Wie oft, wenn man sich gedanklich intensiv mit einem Motiv auseinandersetzt, sind es auch die Wörter, die in Bewegung geraten. Urplötzlich werden Verbindungen geknüpft, denen man vorher völlig "blind" gegenüber stand. Dazu fiel mir eine kleine Geschichte ein mit dem Beginn:"Es war einmal...."

... ein kleines Mädchen, das im Schloss von Rugendorf lebte. Der Hausherr hatte es aufgenommen, weil es ihm als Findelkind vor die Haustür gelegt worden war. Die Köchin des hochherrschaftlichen Hauses nahm sich des Kindes an. Sobald es größer war, half das Mädchen bei allen Arbeiten mit, die es in der Küche zu tun gab.



Als die Köchin hochbetagt starb, war das Mädchen in allen Dingen so gewandt, dass sie die Arbeit in der Küche vollständig übertragen bekam. Froh, das Haus nicht verlassen zu müssen, blieb ihr dennoch die Einsamkeit nach dem Tod ihrer Ziehmutter, denn nach getaner Arbeit war sie zu müde sich mit den Leuten des Dorfes zu treffen. Jeden Abend zog sie sich auf ihr Zimmer zurück und sah aus dem Fenster den Vögeln nach, die ein freies und ungebundenes Leben zu genießen schienen.

Eines Abends, als sie wieder am Fenster saß, setzte sich eine Amsel in den wilden Wein, der direkt neben ihrem Fenster empor rankte. Unermüdlich sang der Vogel von da an Abend für Abend. Doch eines Abends wartete sie vergebens. Unruhig lief sie in den Garten. Da fand sie eine schwarze Feder auf dem Tisch liegen und obwohl sie nichts anderes entdeckte, wusste sie, dass die Amsel nicht mehr zurückkommen würde. Traurig hob sie die Feder auf und beherbergte sie wie ein seltenes Schmuckstück.




Sie war so traurig über den Verlust des Vogels, dass sie viele Tränen weinte, die über die Wangen rollten, dann über die roten rankenden Blätter hinab in das Gras. Sie fürchtete die Einsamkeit. Mit diesen Gedanken legte sich das Mädchen schlafen.

Am nächsten Morgen weckte sie ein ungewöhnlicher schöner Gesang. Als sie die schweren Vorhänge beiseite schob, bemerkte sie eine große Zahl unterschiedlicher Vögel, die vor ihrem Fenster hin und her flogen. Unter ihrem kleinen Fenster im Garten standen alle übrigen Schlossbewohner und zeigten aufgeregt zu ihr hinauf. Sie beeilte sich, zog ihre Kleider an und lief hinunter. Da sah sie, was geschehen war.


Die vielen Tränen, die sich im Laub verfangen hatten, waren zu dunklen süßen Beeren geworden. Und die Vögel wurden nicht müde, sich die Beeren zu holen und bedankten sich dafür mit einem vielstimmigen Gezwitscher. Seitdem nennen die Leute die Beeren "Wein-Beeren".





***

Kommentare:

schöngeist for two hat gesagt…

Wunderschön deine Bilder und diese Geschichte!
Ich hoffe dass du mal die Möglichkeit hast in diese Kirche rein zu sehen!
Diese Mauer wie schön mit diesen herbstlichen Blätterwerk!
Herbst ist was für die Farben ein zu tauchen!
Ein schönen Tag wünsche ich dir!
Lieben Gruss Elke

Jutta hat gesagt…

Liebe Beate,

der Samen ist angekommen. Ganz herzlichen Dank dafür. Ich werde ihn jetzt auch noch aussehen, denn in der Natur fallen die Samen ja auch im Herbst raus und bleiben dann bis zum Frühjahr liegen, um dann auszutreiben.
Vielleicht kannst Du mir ja mal Deine schwedische Adresse schreiben, damit ich ein kleines Dankeschön auf den Weg bringen kann.

Liebe Grüße
Jutta