Freitag, 1. November 2013

Der Gespenstervogel

Ich weiß, es ist Halloween. Vielleicht ist es deshalb, dass ich meinen Augen nicht traue, nicht ganz traue!?!

Mitten auf der, immer noch, grünen Wiese steht der Großvogel ungerührt. Die Gedanken fliegen wie Ping-Pong-Bälle hin und her, etwa so: "Das ist kein Storch, jetzt um diese Jahreszeit" ... "warum nicht?" ... "es fehlen alle Kennzeichen, die für einen Storch sprechen" ... "und ansonsten?" ... "es fehlen auch die Kennzeichen, die für einen Kranich sprechen" ... "was bleibt?"... " ein Graureiher" ... aber es fehlen die Kennzeichen, die für einen Graureiher sprechen. DER  VOGEL  IST  WEISS ..... ( und Radio Eriwan lässt grüßen ;-)



Ich schüttle ungläubig den Kopf und reihe mich in den unvermindert brausenden Verkehr ein, lasse im Kreisverkehr die richtige Ausfahrt rechts liegen und biege stattdessen in die Straße, aus der ich gekommen bin. Der weiße Geistervogel steht immer noch da wie angewurzelt. Am letzten bayerischen Arbeitstag der Woche ziehen an ihm keine 100m weiter lärmend die Fahrzeuge vorüber. Niemand sonst nimmt von ihm Notiz.

Ich finde keine Möglichkeit in der Nähe zu halten, geschweige denn zu parken und verflixe die durchgezogene weiße Linie am Fahrbahnrand. Viel weiter vorne gibt es die Wendemöglichkeit auf einem Feldweg. Ich passiere wieder die Stelle mit dem regungslosen Gespenstervogel. Diesmal biege ich im Kreisverkehr im 90° Winkel zu der Straße ab und finde 100m weiter einen passenden Feldweg.

Schneller Objektivwechsel und dann ab in Richtung weißer Vogel, aber zu Fuß. Hinter dem Wäldchen, das den Blick zunächst versperrt, entdecke ich ihn zum Glück. Die Schuhe sind nass und schmutzig, der Gedanke an einen Schnappschuss lässt alles vergessen, was bessere Garderobe so bräuchte.

Der Geistervogel "riecht" den Braten schon im Ansatz und stakst ein paar Schritte weiter in die Wiese. Nun weiß ich, dass er lebt. Aus dem Geistervogel wird ein namenloser weißer Großvogel mit Reiherfigur. Auf der Wiese stehen nur er und ich, was die vorbeifahrende Polizeistreife zu einem prüfenden Blick veranlasst. Die Fotokamera ist wahrscheinlich Erklärung genug.

Ohne Deckung lässt mich der Vogel keinen Meter näher kommen. Schließlich bleibt nichts, als die Gelegenheit mit gebührendem Abstand wahrzunehmen. Zu Hause dann die erlösende Antwort: Es war ein Silberreiher, der erste, den ich je zu Gesicht bekommen habe und allemal besser, als Gespenster zu sehen.


***

Kommentare:

amselgesang hat gesagt…

Ein geheimnisvoller Vogel plus eine aufmerksame Autofahrerin plus eine gute Kamera mit Tele plus Fotoleidenschaft ergibt (trotz durchgezogener Fahrbahnmarkierungen und Wachsamkeit von Fotomotiv und bayrischer Polizei) wieder mal eine sehr vergnüglich zu lesende Geschichte mit stimmungsvollen Bildern - "von wegen" 0815! nein, typisch "Augenblicke" :-)

Junischnee hat gesagt…

Dem vorigen Kommentar ist nicht viel hinzuzufügen, nur die vorwitzige Frage, welchem Dörfchen denn der Zwiebelkirchturm gehört? Hab ein schönes Feiertagswochenende! LG, Christine

Beate hat gesagt…

Hej Christine,

Den abgebildeten Ort kann ich nicht benennen, er liegt aber in Sichtweite zu Ursberg. Danke, für Dich auch ein frohes Wochenende.

Beate

Beate hat gesagt…

Hej Brigitte,

herzlichen Dank :-)) !!

Kleine Waldameise hat gesagt…

Ganz zauberhaft hast du deine "mysteriöse Begegnung" beschrieben. Ich hatte große Freude daran.

Wünsch dir einen schönen Tag!

Liebe Grüße
Waldameise

Patricia Stein hat gesagt…

Wenn man so ein tolles Motiv entdeckt ist wirklich Aktion angesagt ich muss Schmunzlen denn das erinnert mich irgendwie an mich.
LG Patricia

Heidi hat gesagt…

Oh ja, der Silberreiher. Eine wahre Schönheit. Ich entdeckte diesen wunderschönen Vogel vor 2 Jahren erstmals in meiner alten Heimat, wo sonst kaum ein Auto fährt. Gräben, Wiesen und jede Menge Silberreiher.
Jetzt hab ich ihn auch hier in einer Kolonie entdeckt. Dort kommt auch kaum ein Mensch hin -nur ich schleiche mich manchmal heran und bewundere diese Schönheit.
Danke für dieses schöne Foto.
LG Heidi

Cux-Nachtfalke hat gesagt…

Sehr schön beschrieben. Du würdest eine gute Detektivin abgeben ;-)
Entdeckt, eingekreist, beobachtet, fotografiert und später den Gespenstervogel enttarnt.

Schönes Wochenende noch.
Viele Grüße
Nachtfalke

Mondgucker hat gesagt…

ich dachte das auch auf dem ersten Foto ein Storch nur gut dass du was näher ran kamst mit der Linse.. was für ein wunderschöner Silberreiher!
Gespenster mitten auf der Wiese, ein übriggebliebener mit Tuch *grins*
Lieben Gruss Elke

Yael hat gesagt…

Ein richtiger Glueckstreffer fuer Dich - hier sehen wir sie oft. :-)
Schoenes Wochenende!

zabor hat gesagt…

Wenn es noch mehr davon gäbe würden uns die ganzen verwunschenen Prinzen verloren gehen :-(