Montag, 4. November 2013

"Mütterchen Russland" und "Väterchen Frost" ...

Meine Vorliebe für fremde Länder und Kulturen ist ungebrochen. Manchmal habe ich das Glück, dass die "Welt zu mir kommt".

Auf einer Russlandreise, damals noch UdSSR, durfte ich warmherzige, offene Menschen kennen lernen. Der Abschied fiel am Ende schwer, niemand konnte ahnen, dass das Reisen Jahre später so viel Erleichterung finden würde.

Vor einem halben Jahr bezogen wir die kleine Wohnung in der Nähe meines Elternhauses. Das bedeutete Einiges an Neuem, unter anderem auch neue Nachbarn, die aber zu dieser Zeit im Urlaub waren.

Diesmal sah die ganze Sache anders aus. Nebenan regte sich Leben, abgesehen von den Jalousien, die jetzt hochgezogen waren. Stimmen waren zu hören, nicht übertrieben laut, aber wie das in Neubauten so ist, da rückt die Nachbarschaft mitunter ungewollt näher.

Dann läutet es eines Nachmittags an der Tür. Draußen steht ein weißhaariger Mitsiebziger: "Noooo, ich habbe gehert, dass sie zu Hause siind. Meine Name ist Valery B.. Meine Frau und ich mechten sie willkommen heißen und wirden uns freien, wenn sie Zeit habben in den nächsten Taggän zu uns zu kommen."

Wir haben Zeit und in den nächsten Tagen war vorgestern.


Mit einem Strauß Blumen für die Frau des "Hauses" klingeln wir unsererseits bei Familie B.. Während "Väterchen Frost" ungeniert im Unterhemd öffnet und sich dann entschuldigend ins Bad verzieht, kommt das kleine rundliche "Mütterchen Russland" aus dem Wohnzimmer.

"Meinä Frau Valentina spricht nicht viel Deitsch", schallt es aus dem Bad, "aber sie verstäht gutt". Die untersetzte Frau mit den kurzen hellen Haaren und den müden runden Augen bittet uns ins Wohnzimmer. Ihr einstudierter Satz:" Bittä kommän sie"!, lässt eine dunkle wohlklingende Stimme hören.

Dann kommt Valery und übernimmt das Gespräch wieder. "Bittä kommän sie in Kiche, wir haben eine Kleinigkeit vorrbereitet", weist er an einen Tisch auf dem die Schüsseln und Teller überquellen von Selbsteingemachtem, Salat, gegrillten Würsten und Fleisch, Kaviar, Brot und Kartoffeln, sodass ich mich ernstlich frage, ob sie wohl noch andere Gäste erwarten. Nein, sie erwarten nicht!

"Was mechten sie trinken?", ist das Thema kurz vor dem Essen und dann führt Valery seine gut sortierte Getränkeparade vor, in der nichts fehlt: vom Krimsekt bis natürlich zum Wodka. Valery hat schon gewählt und schmunzelt: "Wodka" und ich bin gespannt, ob er ihn, wie bekannt, aus dem Wasserglas trinkt. Ich entscheide mich für einen Rotwein aus Moldavien, von dem Valentina das "Mütterchen Russland" auch ihr halbes Gläschen trinkt.




Das Gespräch kommt schnell auf ihr Leben in Russland oder besser Kasachstan, den jetzt eigenständigen Staat im Vorderen Orient, und auf die Familie. Überhaupt bekommen wir zu hören, wie viel sich verändert hat, seit die Sowjet-Union zerfiel und sich vor allem das Baltikum und die südöstlichen Staaten ihre Selbstständigkeit zurückeroberten.


Die beiden wohnten in Semei, das als Semipalatinsk bekannt geworden ist, auch durch die Nähe zum Weltraumbahnhof Baikonur. Und natürlich erzählen wir von unseren eigenen Reiseerfahrungen, die bis ins kasachische Alma Ata führten. Irgendwie kleine Gemeinsamkeiten, die die Augen auf beiden Seiten zum Leuchten bringen.

Die Zeit vergeht zwischen der "Arbeit in Kolchosen", den "orthodoxen Riten" und den "islamischen Freunden", die sie zurückließen, nicht ohne deren versprochene Unterstützung, sollte das mit Deutschland nicht klappen. Das sind 18 Jahre her. Nein sie seien zufrieden! Viele Verwandte seien nun auch hierher gekommen.

Nur Valentina, die bei mir insgeheim "Mütterchen Russland" bleibt, denkt wehmütig an eine Schwester, die in Kasachstan lebt.


***

Kommentare:

rheinland-blogger hat gesagt…

Hallo Beate,
nette Nachbarn und solch eine Gastfreundschaft ! Das Gespräch stelle ich mir in der Tat sehr anregend vor, wenn Du die damalige UdSSR bereist hast und Eure Nachbarn aus Russland kommen, wenngleich 18 Jahre dazwischen liegen und sich sehr viel verändert hat. Dto. dürften wahnsinnig viele Kilometer zwischen Kasachstan und Euren Reisezielen gelegen haben.

Gruß Dieter

Beate hat gesagt…

Hej Dieter,
ein Reiseziel war damals Alma Ata in Kasachstan. Auch ein Grund für die angeregte Unterhaltung.

amselgesang hat gesagt…

Hach, das kenne ich von den vielen Russlanddeutschen an unserem alten Wohnort: Einladung zum Geburtstag, und dann biegt sich der Tisch von all den Speisen und man "muss" sich vom belegten Brot übers reichhaltige Menü bis zu Kaffee und Kuchen durch(fr)essen... einzig der Wodka wurde mir aufgrund meiner strikten Weigerung allemal erlassen, dafür musste mein Mann dann ein Gläschen mehr trinken ;-)

Roswitha hat gesagt…

Danke für den netten Bericht. Mehr, als dass ich (und jetzt meine Kinder) in der Schule Russisch lernten, verbindet mich nicht mit der ehemaligen UdSSR. Trotzdem finde ich Berichte und Erzählungen von dort und deinen jetzigen Nachbarn sehr spannend.

Mondgucker hat gesagt…

Liebe Beate, eine sehr schöne Einladung habt ihr gehabt und auch intressant was sie erzählt haben!
Toll so was zu erleben...und auch für mich so intressant von einen anderen Volk die so Gatsfreundlich sind!
Lieben Gruss Elke

Galina Kran hat gesagt…

Durch viele Klicks bin ich nun da und es ist so schön wie du das beschreibst mit deinen Nachbaren und so lustig auf deine Art und weise ich komme wider .liebe Grüße Galina

Beate hat gesagt…

Hej Galina,
willkommen, und,ich freue mich, wenn Du mich wieder auf meinem Blog besuchst.

Liebe Grüße
Beate