Freitag, 17. Januar 2014

Grenzgänger



Dass wir eines Tages "mal eben" in die Tschechei laufen werden, hätte vor zwei Jahrzehnten im Traum niemand gedacht. 

Wer wie ich in einem solchen Dreiländereck seine Kindheit verbracht hat, hat eine besondere geografische Orientierung mitbekommen. Norden und Osten vom Heimatort aus gesehen waren weiße Flecken auf der inneren Landkarte. Da halfen Bilder nichts.

Als die Abgeschlossenheit politisch gesehen ein Ende fand, wohnte ich längst nicht mehr in meiner ursprünglichen Heimat. Und so haben die weißen Flecken erst langsam, nach und nach Farbe angenommen. Die Farbigkeit meiner persönlichen Landkarte begann mit klingenden Namen wie Franzensbad, Marienbad und Karlsbad im Osten und Leipzig, Dresden und dem Elbsandsteingebirge im Norden. Punktuelle Besuche verschafften einen groben Überblick über landschaftliche und kulturelle Gegebenheiten von Orten, die für mich bis dahin unerreichbar waren. 





Der Januar ist ein einsamer Monat in den Grenzwäldern. Der kalte Boden und die wärmer gewordene Luft lassen Nebelschwaden steigen, die sich bald zwischen Bäumen und Sträuchern verfangen und einen feinen Vorhang über die Landschaft legen. Das hügelige Gelände ist ein Flickenteppich von Feldern, Wäldern und Wiesen. Und würde man nicht ungefähr alle 50m entlang des Grenzverlaufs auf diese weißen Pfähle treffen, wüsste man heute nicht mehr, welcher Wald, welche Wiese, welches Feld auf welche Seite gehören. Fein säuberlich hat man Verbauungen entfernt, Drahtzäune eingerollt und massive Kontrollen so ausgedünnt, dass man sie heute als dezent bezeichnen kann. Wanderer bleiben meist unbehelligt, die ID-Karte ist trotzdem ein "MUST HAVE".

Ein so einträchtiges Nebeneinander gab es lange nicht. Und doch ist man sich an dieser grünen Grenze noch immer nicht ganz grün. Der Schock, der Trotz sitzt auf beiden Seiten immer noch tief. Natürlich am intensivsten bei den Familien, die am eigenen Leib Enteignung und Verwüstung erlebt haben. 


Das Dorf Mähring in Grenznähe wurde 1953 dem Erdboden gleich gemacht.

Und heute? Auch ein Brückenschlag will mit Leben erfüllt werden und darf nicht zur bloßen Symbolik verkommen.



die kleine Europabrücke über den Grenzbach


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1 Kommentar:

Judika hat gesagt…

Ich wohne heute ganz in der Nähe der ehemaligen DDR-Grenze, auf der westlichen Seite, ohne Markierungen wäre die Grenze nicht sichtbar. Es ist jedes Mal für mich ein beklemmendes Gefühl.
herzlich Judika