Donnerstag, 23. Januar 2014

memories: "Vorgestern"

Frau Bär kam 14-tägig ins Haus und zwar freitags. Mein genereller Eindruck von 14 Tagen war zu dieser Zeit noch "eine halbe Ewigkeit". Diese speziellen 14 Tage waren ganz besondere. Sie waren nämlich viel kürzer als alle anderen 14-Tage. Sie hatten so etwas von - das war doch erst vorgestern-. Wie übrigens auch Frau Bär etwas von "Vorgestern" hatte.

Pünktlichst um 15 Uhr schellte die Türklingel. Daraufhin "flog" meine Mutter herbei zu öffnen oder ich war abgeordnet den Türöffner zu betätigen, sobald sie den Steinweg zum Haus betreten hatte. Man konnte das vom Wohnzimmer aus beobachten.

Frau Bär rauschte herein, besser gesagt, knisterte ...!

Ich verwünschte derweil die kurzen 14 Tage. Wie ein Wunder stellte sich die Lust zu üben gerade dann ein, wenn Frau Bär auf der Türschwelle stand. Und sie sah dann immer ein bisschen so aus, wie sie hieß, jedenfalls war sie groß und rundlich.

Frau Bär war meine Klavierlehrerin.

Die Frau mit dem Haarknoten im Genick war dienstbeflissen. Zum Wohl der Musik und des Kindes sollte keine Zeit verschwendet werden. Allerdings, bis der weite, knisternde Mantel, ein Riesensegel, an der Garderobe untergebracht war, verging Zeit. Ich war froh, denn dann erzählte sie gerne und fast ausnahmslos von ihrer Tochter oder von einer ihrer anderen Schülerinnen, die immer wieder Lorbeeren in der heimischen, später nationalen Musikszene einheimsten. Ganz und gar klassisch, versteht sich. Für Frau Bär brauchte es nur den Hauch einer Anmerkung!

Irgendwann sah Frau Bär mit raumgreifender Geste auf die Uhr, wenn sie merkte, dass sie sich verplaudert hatte. Zu früh hatte sich meine heimliche Freude die Hände gerieben, obwohl, wenn ich jetzt gaaaanz langsam zum Klavierstuhl ..., "Beate, kommst Du!". "Mist"!

Manchmal wurde mir ziemlich heiß und ich verwünschte, dass die 14 Tage wieder einmal so kurz gewesen waren. Das Ende vom Lied, ich hatte extra Hausaufgaben und schrieb seitenweise Fingersätze, die mir trotz-dem so nie und nimmer im Kopf bleiben wollten.

Eines Freitagnachmittags war meine Mutter außer Haus. Die Klavierstunde stand auf meinem Tagesprogramm. Als ich alleine war, holte ich mir den Küchenstuhl. Ich hatte längst bemerkt, dass die Türglocke abzustellen war. Ich hatte mir den Dreh mit der Kleinigkeit gemerkt. Also machte ich Gebrauch davon. An diesem Tag fiel die Klavierstunde aus. Ich stand hinter dem Vorhang und sah sie kehrt machen und nach Hause gehen.

Ich hatte keine Lust auf Frau Bär...  Sie war sowieso erst "vorgestern" da.

Die Sache ging ganz gut aus. Viele Jahre später habe ich die Reifeprüfung in einem Musischen Gymnasium abgelegt und hatte auch beruflich oft mit Musik zu tun. Frau Bär hätte sich gewundert. 


memories nach einer Idee von Brigitte "amselgesang"

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Kommentare:

amselgesang hat gesagt…

Applaus und ein paar Vorhänge für diese köstliche Geschichte! Ich habe sie eben Wort für Wort genossen.
Mein erster Klavierlehrer kam auch ins Haus, war aber ein sehr lieber alter Herr(etwas zu lieb, was zur Folge hatte, dass ich wohl ebenso wenig geübt habe wie du). Und auch ich habe später noch die Kurve gekratzt und mache von Berufs wegen Musik. Schon seltsam... :-)
Schmunzelnde Grüße,
Brigitte

Jutta.K hat gesagt…

Leider konnte ich nie lernen, Klavier zu spielen. Meine Eltern konnten sich das nicht leisten.Aber nach wie vor bin ich eine begeitserte "Klavierzuhörerin" und in Gedanken spiele ich mit.
Sehr schön geschrieben ist deine Geschichte:
Herzliche Grüße
Jutta

Yael hat gesagt…

Na also, da wurde ja noch was drauss! :-)

Sehr nett erzaehlt!