Sonntag, 19. Januar 2014

Natur nah

Unsanft reißt mich der Ruck aus dem Halbschlaf. Die Hand fingert nach dem Türgriff. Kaum ist der Wagenschlag einen Spalt geöffnet, greift eisige Winterluft gierig nach meinem Arm. Instinktiv lasse ich die Tür Tür sein. Meine "Keine-Lust" steigert sich spontan bis zur Ärgerlichkeit. Ich friere und meine gute Laune auch.

Rebellierend kämpft der „Schweinehund“ für sich. Aber aus seinem Gefecht wird schnell ein Rückzugsgefecht. Spielerisch überwältigt ihn der Morgen mit einer atemberaubenden Szene und hebt den Widerwilligen aus den Angeln. 


Die Landschaft bietet ein eismärchenhaftes Buffet: Kaviar-Schwarz, Aal-Grau, Beeren-Blau, Kristallzucker-Weiß. Die Farben malen ein Traumbild und die Sonne setzt das Tüpfelchen auf das "i". Sie krönt es mit Eis-Orange. 




Traumwandlerisch bewege ich mich zwischen raureifen Wiesen, bevor ich den Hohlweg erreiche.
Was folgt, geschieht jedes Mal auf dieselbe Weise:

Am Ende wartet dieses riesenhafte, gutmütige Wesen, nimmt mich in sich auf und schließt hinter mir alle Tore. 
Augenblicklich verändert sich alles.


Nach dem gleißenden Licht ist alles fast schwarz. Ich starre in den dunklen Rachen. Es dauert, bis sich die Pupillen an das wenige Licht gewöhnen. Erst nach und nach erkenne ich Stämme statt Stumpen, zwischen denen eine Zunge geradewegs in den Schlund führt.


Es wird fühlbar wärmer. Im Atem des Waldes verliert die Kälte ihren Biss.


Gerade noch wahrgenommene Geräusche verschmelzen zu einem Konglomerat. Ein leises Rauschen, weit weg, bleibt. Oder wiegen sich die Wipfel der Bäume im Wind, der hier keinen Zutritt hat?


Die Nase muss sich mit dem Wenigen zufrieden geben, das ihr die Winterwaldluft zugesteht, die so ungern feine Düfte weiter trägt.


Dafür entschädigt die Ruhe. Jeder meiner Schritte hinterlässt auf dem Waldweg ein Stückchen meiner Hast.


Und dann,- bevor mich der Wald mit ruhiger Selbstverständlichkeit aus seiner Umarmung in die offene Winterlandschaft entlässt, hält er ein Geschenk für mich bereit: DAS VERGESSEN. Vergessen, dass ich es jemals eilig hatte.


Danke, Du wunderbares Wesen ... Wald!


***

Kommentare:

rheinland-blogger hat gesagt…

Hallo Beate,
klasse. Schön kommt Deine Naturverbundenheit rüber. Wie Du genießt, mitten in der Natur zu sein. Dasselbe Gefühl kenne ich nur von mir selber. Schön dicht und intensiv mit viel Lebensfreude hast Du das beschrieben.

Gruß Dieter

Junischnee hat gesagt…

Wunderschön poetisch, dazu das tolle Foto. Vielen Dank!
Lieben Gruß, Christine

Galina hat gesagt…

Du bist ja eine Dichterin genau mein Geschmack und Wunderschön .lg galina

Ana Mínguez Corella hat gesagt…

So beautiful!!!.. Regards..

family4travel hat gesagt…

Wow, was für ein wunderschönes Foto! Wirklich eine ganz tolle Stimmung!

Viele Grüße,
Lena

amselgesang hat gesagt…

Eis-Orange und raureife Wiesen: *zungeschnalz*! Schmeckt nach mehr :-)

Yael hat gesagt…

Eins SAGEN-haft schoenes Foto ist das! :-)

Mondgucker-Strandläufer hat gesagt…

da spürt man wie du mit Herz und Seele dabei bis zum letzten Wort und das wunderbare Bild dazu du versetzt einen förmlich in diese Erlebnisgeschichte hinein!!
Grossartig
Lieben Gruss Elke

Sterndal hat gesagt…

Hallo Beate,
bin hier ganz zufällig gelandet!
Schöner Blog, toller Post, Wundervolle Bilder!
Na da komme ich doch öfters mal hier her!
Liebe Grüße,
Brigitte

Kleine Waldameise hat gesagt…

Wie schön du diesen Moment wieder beschrieben hast, liebe Beate. Ich kann ihn fühlen ... und es tut so gut. Ja, der Wald ist auch mein bester Freund.

Ein lieber Abendgruß
von der Waldameise

Heidi hat gesagt…

Was für ein fantastischer Text - zu dem Bild. Du hast mich mitgenommen in diese Stimmung. Brrr... un dann - hach, der Baum, der die Wendung bringt.
Wunderschön.
LG Heidi